»Komm, schöner Tod«

Dokumentarisches Theaterstück über »Euthanasie«-Verbrechen Im Gedenken an die Opfer des NS-Erbgesundheitsgerichts Potsdam

Am 10. März 1934, vor 85 Jahren, tagte das Erbgesundheitsgericht Potsdam erstmals in der Lindenstraße 54/55. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 spielte die Justiz eine Schlüsselrolle in der politischen und rassischen Verfolgung im Dritten Reich. Aufgrund des Anfang 1934 erlassenen »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« entstand ein  dichtes Netz von Einrichtungen, das die gesamte Bevölkerung nach »erbbiologischen« Kriterien erfasste. Opfer der rassenhygienisch begründeten Unfruchtbarmachung wurden körperlich und geistig behinderte, psychisch kranke sowie andere als »minderwertig« oder »asozial« stigmatisierte Frauen, Männer und Jugendliche. In Potsdam wurde bis 1944 die Zwangssterilisation von mehr als 3.300 Menschen angeordnet.

Die Zwangssterilisation war eine Vorstufe der späteren NS-»Euthanasie«-Verbrechen. Die staatspolitischen Diffamierungen und Stigmatisierungen mündeten ab 1939 in organisierten Tötungen unter dem Decknamen »Aktion T4«. In Heil- und Pflegeanstalten wurden die Patienten durch Gas erstickt, mit Medikamenten oder Gift sowie durch Nahrungsentzug getötet. Die »Euthanasie«-Morde waren die erste gezielte Massenvernichtung des NS-Regimes. Die Gesamtzahl der Opfer in ganz Europa wird auf 300.000 geschätzt.

Das Dokumentartheaterstück »Komm, schöner Tod« des Stuttgarter Theaters La Lune stellt sensibel und eindrücklich die NS-Euthanasie-Verbrechen dar und schlägt zugleich die Brücke zu aktuell diskutierten Fragen der Medizin-Ethik.

Im Zentrum der Collage aus Zeugenberichten, Gerichtsdokumenten der NS-Nachkriegsprozesse und eigenen Texten steht das Mädchen Gerda Metzger. Im Sommer 1943 wurde das 3-jährige Mädchen, das an spasmischen Lähmungen litt, gegen den Willen der Mutter in die »Kinderfachabteilung« des Städtischen Kinderkrankenhauses Stuttgart gebracht – eine von 30 Einrichtungen im Deutschen Reich, die unter dem Decknamen »Kinderaktion« der Kinder-»Euthanasie« dienten, also der Forschung an und Ermordung von körperlich oder geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Nur einen Tag, nachdem Gerda Metzger im Stuttgarter Krankenhaus aufgenommen wurde, starb sie. Als offizielle Todesursache gaben die Ärzte Diphterie an, die Forscher gehen heute von einer Überdosierung mit dem Beruhigungsmittel Luminol aus. Gerda Metzger ist eines von 5.000 Kindern, die der »Kinderaktion« zum Opfer fielen. Nur bürgerschaftlichem Engagement ist es zu verdanken, dass dieses Lebensschicksal aufgearbeitet wurde. Seit 2013 erinnert ein Stolperstein vor dem ehemaligen Stuttgarter Kinderkrankenhaus an Gerda Metzger.


Szenische Einrichtung: Dieter Nelle / Es spielen: Julianna Herzberg und Jan Uplegger / Eine Produktion des Theaters La Lune Stuttgart im Rahmen der Reihe »Stolperkunst«


Der Eintritt ist frei.

Datum/Zeit
12.03.2019
18:00 Uhr
Veranstaltungsort
Saal Gedenkstätte Lindenstraße