Buchvorstellung: „UNVERGESSEN. Geschichten nationalsozialistischer Verfolgung aus Potsdam“

Auszug aus der Geschichte „Erika Martins: Meine Zeit mit Kasimierz“, gezeichnet von Ali Altschaffel; aus: UNVERGESSEN. Geschichten nationalsozialistischer Verfolgung aus Potsdam

Auszug aus der Geschichte „Erika Martins: Meine Zeit mit Kasimierz“, gezeichnet von Ali Altschaffel; aus: UNVERGESSEN. Geschichten nationalsozialistischer Verfolgung aus Potsdam

Die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße veröffentlicht im März 2026 die neue Graphic Novel UNVERGESSEN. Geschichten nationalsozialistischer Verfolgung aus Potsdam. In diesem Band stellen sechs Künstler:innen Geschichten von Verfolgung, Widerstand und Selbstbehauptung in der NS-Diktatur zeichnerisch dar. Unter den Protagonist:innen der Graphic Novel sind der Olympiateilnehmer und Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder, die Studentin Mirjam David aus dem Umfeld der Weißen Rose in München, aber auch Jugendliche und junge Erwachsene, deren Schicksale bislang weitgehend unbekannt sind. Durch die neue Publikation sollen ihre Geschichten vor dem Vergessen bewahrt und die Kontexte ihrer Verfolgung einem größeren Publikum vermittelt werden.

Der Kommunist und Olympiateilnehmer Werner Seelenbinder (gezeichnet von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg) gehört in den 1930er Jahren zu den erfolgreichsten Ringkämpfern des Landes. Immer wieder nutzt er sportliche Wettkämpfe und Reisen, um Widerstand gegen die NS-Diktatur zu leisten. Im Herbst 1944 verurteilt ihn der Volksgerichtshof in Potsdam zum Tode, Seelenbinder wird anschließend im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Die Nachwuchswissenschaftlerin Mirjam David (gezeichnet von Eva Müller) promoviert 1943 am Chemisch-physikalischen Institut der Universität München, als die Weiße Rose dort Flugblätter gegen das NS-Regime verbreitet. Wie zahlreiche andere Kommiliton:innen, die die Verteilung der Flugblätter unterstützt oder verheimlicht hatten, wird sie im November 1943 verhaftet. Nachdem sie mehr als ein Jahr im Konzentrationslager Ravensbrück sowie in verschiedenen Gefängnissen verbringen musste, verurteilt der Volksgerichtshof sie schließlich in Potsdam zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren.

Horst Sette (gezeichnet von Sonja Hugi) wächst in Potsdam auf. Im Alter von acht Jahren hat er 1930 das erste Mal einen epileptischen Anfall. Nach dem Beginn der NS-Diktatur droht ihm nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ eine Zwangssterilisation. Energisch, aber vergeblich geht seine Familie gegen das Urteil des Potsdamer „Erbgesundheitsgerichtes“ vor. Kurz nach Beginn seiner Lehre wird Sette im Alter von 14 Jahren im Potsdamer Krankenhaus sterilisiert.

Wie viele junge Erwachsene muss Walter Dubois (gezeichnet von Maria Luisa Witte) 1943 seine französische Heimat verlassen und fortan als Zwangsarbeiter in einer Fabrik in Treuenbrietzen Munition für die Wehrmacht herstellen. Als ein Produktionsfehler zu zahlreichen unbrauchbaren Patronenhülsen führt, wird Dubois der Sabotage beschuldigt. Er wird in der Potsdamer Lindenstraße inhaftiert, zu einer Haftstrafe verurteilt und muss in den folgenden Monaten nahe der Ostfront Befestigungsanlagen bauen, um den sinnlosen Abwehrkampf gegen die vorrückende Rote Armee zu unterstützen.

Die Berliner Schülerin Erika Martins (gezeichnet von Ali Altschaffel) muss nach dem Ende der achten Klasse ein Pflichtjahr auf einem Bauernhof bei Luckenwalde absolvieren. Dort trifft sie 1943 Kasimierz, der als Zwangsarbeiter aus Polen verschleppt wurde. Erika und Kasimierz verlieben sich und versuchen, ihre Beziehung geheim zu halten. Doch die Bäuerin bemerkt das Paar und meldet ihr „Verbrechen“ der Polizei. Martins wird zunächst in Potsdam, anschließend in einem Jugendkonzentrationslager in unmittelbarer Nachbarschaft des Konzentrationslagers Ravensbrück inhaftiert.

Gerhard Schiller (gezeichnet von Magdalena Kaszuba) studiert in Prag, als deutsche Truppen im März 1939 die Stadt besetzen. Er will Ingenieur werden. Doch nach dem Beginn des 2. Weltkrieges muss die Universität schließen. Schiller schlägt sich in verschiedenen Jobs durch, in einer Potsdamer Fabrik für Flugzeugelektronik sind seine technischen Kenntnisse begehrt. Bald jedoch denunziert ihn ein Arbeitskollege, der die Familie aus Prag kennt: Schillers Vater sei Jude gewesen. Gerhard Schiller wird in der Lindenstraße inhaftiert und dort zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er keinen „Judenstern“ getragen hatte. Nachdem er seine Strafe abgesessen hat, wird Schiller mit über 700 anderen Menschen über Königsberg nach Minsk deportiert. Dort wird er im Juni 1942 ermordet.

Die Buchvorstellung findet am 18. März um 18 Uhr in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) statt. Im Rahmen der Veranstaltung sprechen Sonja Hugi (Künstlerin), Irmgard Zündorf (ZZF) und Constantin Köhler (Geschichtslehrer und Dozent der Universität Potsdam) über die Arbeit an der neuen Publikation UNVERGESSEN, über Graphic Novels als Medium der Geschichtsvermittlung sowie über den Umgang mit Bildern von Gewalt und Massenverbrechen.


Internationale Wochen gegen Rassismus
Die Veranstaltung ist Teil der Internationalen Wochen gegen Rassismus (16. – 29. März 2026), die deutschlandweit von der Stiftung gegen Rassismus koordiniert werden. Die diesjährigen Internationalen Wochen gegen Rassismus unter dem Motto „100 % Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“ werden in Brandenburg eröffnet.

Weitere Veranstaltungen der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus:

18. März, 18 Uhr
Buchvorstellung: „UNVERGESSEN. Geschichten nationalsozialistischer Verfolgung aus Potsdam“

24. März, 18 Uhr
Filmveranstaltung & Gespräch
„Bruderland ist abgebrannt“ (1991), 28 Minuten, Regie: Angelika Nguyen

25. März, 16:30 Uhr
Sonderführung: NS-Verbrecher im Gefängnis Lindenstraße

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.
Anmeldung unter: info[at]gedenkstaette-lindenstrasse.de

 

Datum/Zeit
18.03.2026
18:00 Uhr